Ich wurde schon oft befragt, wie ich mit Kritik auf meinen Blog umgehe. Und immer wieder habe ich ganz ehrlich geantwortet, dass mich persönlich bisher noch nie ernste Kritik erreicht hat, im Sinne von: Es hat noch nie jemand hier gepöbelt. Denn das erwartet man von der Darstellung bzw. Zurschaustellung von übergewichtigen Menschen ganz automatisch.
Einmal hat ein Leser oder eine Leserin - bezeichnenderweise anonym - kritisiert, dass ich Crystal Renn für ein Idol halte. Das habe ich natürlich nicht gelöscht, und ich habe sofort darauf reagiert. Ich musste hier noch nie einen Kommentar löschen, es sei denn, es handelte sich um Spam.
In den letzten Tagen häuft sich allerdings die Kritik in den Foren von Modezeitschriften. Zusammengefasst lauten viele Wortmeldungen etwa so: Adipöse Frauen sollten nicht bloggen, nein, sie sollten lieber abnehmen. Das wirft für mich ein paar Fragen auf: Heißt das in der Konsequenz, dass ich z.B. bis ich abgenommen habe, besser gar nichts Auffälliges trage? Am besten schwarz, am besten in Zeltform? Und meine Visage sowie meinen Körper (also meine Person) am besten niemand zu Gesicht bekommt? Dass ich es mir nicht anmaßen sollte, mein Gesicht (auch noch dazu) mit einer auffälligen Brille zu schmücken? Was erdreisten sich manche Menschen?!
Ich kann Kritik in einem gesundheitlichen Diskurs gar nicht widerlegen. Fettleibigkeit ist eine Volkskrankheit und ich bin davon offensichtlich betroffen. Das Schlimme und Perfide allerdings ist, dass "fett" für die meisten nicht nur "übergewichtig" bedeutet, sonden stets synonym mit hässlich, faul, dumm ist. Vor allem ersteres verleitet viele weiter zu dem Kritikpunkt: Wer dick ist, darf nicht Körperbetont tragen. Wiederum muss ich fragen: Mit welcher Begründung, außer der, dass das medial geprägte Konzept von Ästhetik nunmal das Gros der Frauen komplett und konsequent ausschließt? Ich finde das aberwitzig. Und wer sich durch seinen persönlichen Begriff von Schönheit mit diesem Blog hier nicht vereinbaren kann, der braucht hier auch nicht zu schauen und zu lesen und kann sich stattdessen in der Hülle und Fülle der Blogs einen suchen, der eher passt. Zweiter Punkt, die Faulheit. Ich für mich kann sagen, dass ein Mangel an Disziplin sicherlich nicht zuträglich für mein Körpergewicht ist. Ich muss meine Disziplin hier aber überhaupt nicht rechtfertigen. Das ist das Schöne am Bloggen. Ich darf hier machen, was ich will. Der (gut gemeinte?) Zeigefinger kann also gerne wieder runter genommen werden, ich bin alt genug und drittens: nicht dumm! Das stört mich am allermeisten, dass manche davon ausgehen, dass man "es nicht besser weiß" oder auch zu dumm für ein gescheites Gehör ist. Auch ich bin im Stande zu vernehmen, wenn mich jemand hinter vorgehaltener Hand auf das äußerliche Merkmal, das als erstes ins Auge springt, reduziert. Ich muss mich wiederholen: Mit welchem Recht? Mir ist das schon bewusst, dass das zum Menschsein gehört, auf Andersartigkeit zu reagieren - aber es auszusprechen, wenn es zumal negativ behaftet ist? Ein Zeichen von Unreife und mangelndem Respekt.
Ich fühle mich auch fast ein bisschen unreif, dass ich das hier überhaupt schreibe, aber es kränkt mich zu lesen, wie in Foren über andere (nicht mich im Speziellen) geurteilt wird. Nicht, dass das nicht normal wäre. Ich mache das auch, mit guten Freunden. Über andere zu urteilen ist menschlich, genauso wie es menschlich ist, seinen Geschmack publik zu machen. Aber anonym, bzw. durch eine Internetidentität, wird das in meinen Augen ganz schnell ganz lächerlich. Im "echten Leben" könnt ihr euch doch auch nicht erdreisten, auf so eine Weise zu reden, also in aller Öffentlichkeit, dass es jeder hört/ liest? Wo landen wir da? Wahrscheinlich beim Szenario im zweiten Absatz. Ohne das, wie schon erwähnt, speziell auf mich zu münzen: Krankheiten heilen ja bekanntlich besser bei wenig Selbstachtung gepaart mit Häme?! Unmöglich.
Nachtrag:Ebenfalls unmöglich ist der Ton und die Vorgehensweise der Kritik an jungen (also U18) Bloggern. Auch hier möchte ich schreien: Die Häme heilt hier gar nichts und wer sich pädagogisch auserkoren fühlt, geht mit Bloßstellung und Sarkasmus den falschen Weg. Das ist so furchtbar teilweise, mir ist heute der Kragen geplatzt.
Nachtrag 2:
Ich schreibe ganz bewusst, dass ich nicht mich im Speziellen meine, da ich mich, dank vorhandener Selbstachtung, nicht von Forenschreiberinnen pathalogisieren lasse. Dieses Schicksal sollte Niemand erfahren, da es (entschuldigt die Wiederholung) schließlich weder einer eventuellen Essstörung noch sonstigen psychischen Leiden zuträglich ist. Außerdem rechtfertigt die bloße Existenz (eines Blogs mit eigenen Bildern z.B.) nicht unreflektierte Unkenrufe. Wie gesagt, das wäre, für meine Begriffe, im "echten Leben" auch undenkbar.